"Und das Fest ist fern. Und das Licht lügt. Und die Nacht ist nahe um ihn und kühl. Und er fragt eine Frau, die sich zu ihm neigt: Bist Du die Nacht?"

Montag, 2. Februar 2015

Regen

Die Stadt liegt als unberührtes Land um uns. Wir kennen sie nicht, und sie weiss nicht, dass wir mitten in ihr sind, dort in diesem wogenden Meer aus Häusern und Strassen. Wir hören sie als dumpfe Brandung an das Ufer unserer Insel schlagen. Die Stadt wartet draussen im Regen, der getragen vom starken Wind an die Fenster klopft. Sie wartet darauf, dass man sie betritt und durch ihre Schluchten wandert. Wir aber betreten sie nicht und erleuchten ein Zuhause fern der nassen Kälte, die jenseits der Mauern von den schwarzen Zweigen eines sich im Wind biegenden Baumes tropft. Wir sind der Stadt und dem Winter auf flinken Füssen entkommen und erbauen wie im Spiel ein weites Schloss aus Schlaf und Leichtigkeit, in dessen Zimmern wir uns glücklich verlieren. Längst haben wir keine Richtung mehr. Hinter allen Biegungen warten Durchgänge, die wir noch nicht kennen. Fliegenden Schrittes ersteigen wir Treppen hinauf in hohe Türme, um in goldenen Kemenaten hinter Schatten versteckte Türen zu finden. Alles ist ein Übergang in verheissungsvolle Räume, und alle Worte führen auf einen hellen Ausgang zu. Dann begegnen wir uns, ein unverhofftes Wiederfinden, wie als ginge man durch eine fremde Stadt, verloren im Gewirr der vielen Ecken, jede weitere Strasse eine Strasse zu viel, und treffe dort im Gewühl der gleichgültigen Gestalten auf einen Hinweis alter Heimat, und sei es nur ein lange vergessenes Lied, das aus einem Radio über den Asphalt streift, um sich irgendwo in einem Mittagshimmel zu verlieren.
Sie zu berühren ist eine Heimkehr, die Fiebernde in jenem Schlafe finden, der nach Nächten wirrer Bilder eine sanfte Kühle auf ihre Träume legt. Fast wollen die Hände die Berührung nicht wagen, da sie befürchten, behutsam bewahrte Weiblichkeit mit rauen Fingern zu zerkratzen. Ihre Schönheit ist eine schreckliche Herrschaft, die nur Frauen zu errichten wissen, golden und unnachgiebig, ein sanfter Widerstand, der die Leere aus den Sinnen treibt und bedrückte Stirnen mit weiten Gedanken krönt. Wie eine Königin aus hohen Liedern, die man früher sang und heute nicht mehr kennen will, steht sie mitten in ein unbegreifliches Leben gesetzt, ein Leben, das grösser wird und voller mit jedem Wort, das sie in die Dunkelheit spricht. In ihren Augen ruhen helle Bilder, die gleich wie wir der Zeit entfliehen. Da warten Wälder auf das erste Morgenlicht. Bald wird es über die Hügel steigen und die Nacht in ferne Länder schicken. Man sinkt in diesen Anfang, drängt alle Lebenskraft in sich hinein und ahnt die Fügung, die im Lachen unbeschwerter Kinder lebt.
Das Licht der Strassenlaternen fällt in Fächern durch die im Wind schaukelnden Zweige und wandert unruhig über die Zimmerwände. Der Regen spült flimmernde Bahnen auf die Fensterscheiben. Sein Rauschen dringt in unsere Träume ein, die uns am Grunde warmer Erschöpfung begegnet sind. Wir mussten nicht nach ihnen suchen, sie sind uns wie vom Himmel gestürzte Sterne zugefallen. Nun tragen wir sie zwischen uns und verbergen sie vor den Blicken der Stadt, die ihre neonhellen Kreise um unsere Insel zieht. Der Regen, der Wind und die Zeit sind unverständliche Namen geworden, die dem Draussen angehören. Hier aber gibt es keine Zeit und keine Dinge, die nach ihrem Willen vergehen könnten. "Da ist nichts, was gegen sie wäre: kein Gestern, kein Morgen; denn die Zeit ist eingestürzt. Und sie blühen aus ihren Trümmern."


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