Nostalgia

Schon als Kind plagte mich das Heimweh. Kein Ferienlager, das mir nicht eine einzige, fürchterliche Qual war. Es war oft nicht das Verlangen nach einer vertrauten Person - Vater, Mutter, Bruder -, sondern der schmerzliche Wunsch, dort zu sein, wo alles so war, wie es immer schon gewesen ist.
Die sonnenwarme Sandsteinmauer unter dem großen Lindenbaum, der mir nach zu langen Tagen schattengrüne Zuflucht war. Nur von einem bestimmten Ast in seiner Krone aus konnte man das silberhelle Glitzern des Neuenburgersees erkennen, und wenn der Wind das Blätterkleid bewegte, blieb dieser Horizont als eine Erinnerung zurück, die sich abends auf müde Augenlider legte, sie schwer machte und die Gedanken darunter zufrieden. Satt vor Glück und erfüllt von einer rätselhaften Gunst.
Der dunkle Grund des Steinbrunnens im Hof des Pfarrhauses, das Wasser kühl und von Geistern aus schwarzgrünen Algen bewohnt, ein heroische Queste abzutauchen, eine rite de passage, denn wer konnte mir versprechen, ich würde aus der Tiefe in dieselbe Welt zurückkehren, die ich eben erst verlassen hatte? Aber ich fand immer zurück, und doch blieb ein leiser Zweifel, ob nicht doch - wer kann es wissen, sagt mir, wer? - ein geheimes Tor durchschwommen worden war, unbemerkt und doch vorhanden. Hinter der nächsten Biegung gleich, ein Tor führt ins geheime Reich.

"Sagt mir, was wollt ihr in den Städten? Was glaubt ihr dort zu finden?"

Die ätherische Schwere eines nahenden Gewitters, eine alte, unverstandene Macht über den Schilfwäldern hinter der Scheune aus wetterschwarzem Holz, Ziegelstein und Wellblech. Die unruhigen Stiere, warme, dampfende Leiber, und Vaters kräftige Hand, die sie zu beruhigen wusste. Der Geruch von trockenem Heu und Maschinenöl. Gleissende Adern aus Blitzen über dem Feldermeer. Adern auf Vaters dreckverschmierten Unterarmen. Ein Geflecht aus Blut und Feuer und schwarzer Erde. Der Boden schweigsamer Torfstecher. Rabenland. Nebelland. Sagt mir, was wollt ihr in den Städten? Was glaubt ihr dort zu finden?
Das Heimweh blieb mir treuer Begleiter, und irgendwann verstand ich, dass es nie mehr gehen würde. Es hatte sich in mir niedergelassen, war mir Wort und Wahrheit geworden, und ich wusste, dass es mir Karte und Kompass sein würde, wenn die Wege sich zu oft verzweigen.
Viele Jahre später haben die Wege sich oft verzweigt. Sie sind lang geworden und tragen fremde Namen, die ich nicht mehr kennen will. Ein Held aus Kindheitsgeschichten - und vielleicht ist jede Kindheit die immer gleiche Geschichte von Verlorengehen und Wiederfinden - aber meinte, es gebe immer einen Weg, man müsse ihn nur finden, und vielleicht war nicht ich es, der ihn fand, sondern mein ältester, mein bester Freund, dieses verdammte, brennende Heimweh, das nur in eine einzige Richtung zeigt.

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