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Heimkehr

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Dieses Land ist meine Zuflucht. Ihm vertraue ich meine Kindheit an. Schwer ist seine Last auf mir. Der ganze Himmel liegt auf meinen Schultern, die Wälder wachsen in mich empor, winden sich um meine seltsamen Träume von Neubeginn und weiter Ferne. Die Horizonte, die ich in ihm suche, werden weiter mit jedem Jahr, das mich hinauf in unverstandenes Alter zieht. Diese Linie dort, fein und blau wie aus einem unvollendeten Gemälde eines lange toten Künstlers, ist die Grenze meiner Ahnung, was die Welt noch offen hält. Darüber hinaus liegen Zeiten rätselhaften Erwachsenseins. Nun gehe ich, und der Abschied ist groß und doch still. Er liegt in allen Dingen: in den vom nahenden Gewitter dunkel wogenden Kronen der Lindenbäume im Kirchhof, in der Vertrautheit eines sich biegenden Weges zwischen Brombeerhecken und blühendem Ginster, dort oben in den Wäldern, deren Schatten meine Kindheit bewahren. Aber ich gehe nicht alleine: es folgt mir eine Welt, die sich ausdehnt in die Zeit. Ich sehe e...

Blut und Eisen

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Schicksale, die uns zugefallen sind. Scharlachrote Siegeszüge auf erfrorener Erde. Wir wussten und wir wissen noch: verloren ist, wer vergisst. Grelle Lichter weiß wie Feuerlanzen. Feiernde Mündungsfeuer. Dampfende Münder rostiger Kettenbestien. Rote Sonnenaufstiege. Man strebt hinauf, dort hinauf, unter dumpfen Donnerschlägen und bebender Erde. Hier wird nichts beginnen, doch alles enden. Mutter Europa, wo alles ein Ende findet. Kaltes Licht umhüllt von Eis. Ein blaues Licht. Gekrönt von Staub und Stolz trinken wir auf die Götter tosenden Untergangs. Ein frohes Fallen in das Feuer. Nichts soll bleiben, das noch sprechen könnte, und was noch spricht, spricht fremde Sprachen. Der Sonnengott ertrinkt im Meer im Westen. Tausend Jahre sind ein Augenblick, tausende Jahre ein tiefes Atemholen. Totentänze zur Feier zerfallender Erinnerungen. Man sieht die großen Städte brennen, die Scheiterhaufen zurückgelassener Reiche. Bald wird man beginnen, ihre Schriften zu verbrennen. Artefakte ihres A...

Regen

Die Stadt liegt als unberührtes Land um uns. Wir kennen sie nicht, und sie weiß nicht, dass wir mitten in ihr sind, dort in diesem wogenden Meer aus Häusern und Straßen. Wir hören sie als dumpfe Brandung an das Ufer unserer Insel schlagen. Die Stadt wartet draußen im Regen, der getragen vom starken Wind an die Fenster klopft. Sie wartet darauf, dass man sie betritt und durch ihre Schluchten wandert. Wir aber betreten sie nicht und erleuchten ein Zuhause fern der nassen Kälte, die jenseits der Mauern von den schwarzen Zweigen eines sich im Wind biegenden Baumes tropft. Wir sind der Stadt und dem Winter auf flinken Füssen entkommen und erbauen wie im Spiel ein weites Schloss aus Schlaf und Leichtigkeit, in dessen Zimmern wir uns glücklich verlieren. Längst haben wir keine Richtung mehr. Hinter allen Biegungen warten Durchgänge, die wir noch nicht kennen. Fliegenden Schrittes ersteigen wir Treppen hinauf in hohe Türme, um in goldenen Kemenaten hinter Schatten versteckte Türen zu finden. ...

Sleeping Golden Storm

Der Südwestwind schiebt zerfledderte Wolkenfelder über das Flugfeld. Noch regnet es nicht, aber man wartet darauf. Im Terminal trinken die Leute teuren Kaffee aus Pappbechern und lesen französische, deutsche und englische Zeitungen, die alle nur eine Schlagzeile kennen. Zwei Kinder, die Geschwister sein könnten, betrachten einen Airbus, der gerade mit Kerosin betankt wird. In der Ecke der Halle stehen drei französische Soldaten mit ernsten Gesichtern. Die automatischen Gewehre liegen bedrohlich in ihren Armen, die Zeigefinger angewinkelt am Abzug. Vor wenigen Tagen hat in Paris das Abendland gebebt. Einige Wochen wird es brauchen, um wieder zu vergessen. Eine angenehme Lautsprecherstimme bittet darum, Gepäck nicht unbeaufsichtigt zu lassen. Unbeaufsichtigtes Gepäck wird vernichtet. Seltsam fremd ist es, diese weibliche, weiche Stimme zu hören, die von Vernichtung spricht. Solchermassen dissonant aber erscheint hier alles: die futuristisch anmutenden Schalensitze aus weissem Plastik, d...

Waterloo Exit

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Das Museum der Murtenschlacht, eigentlich eine alte Mühle, das gewaltige Mühlrad dreht sich träge und dunkel am Eingang. Um das Gebäude zu betreten, muss man in nicht geringer Höhe mittels einer kurzen Brücke über einen Schacht steigen, in dessen Tiefe schnelles Wasser auf die Schaufelblätter schießt und das Rad in Bewegung setzt. Es hat selten Leute in diesem Museum. Es ist zu unbekannt und wird nur in einem dünnen Touristenführer erwähnt, den die Gemeinde in kleiner Auflage herausgegeben hat. Drinnen riecht es nach altem Holz und einer bedrohlichen Zeitlosigkeit. Man bewegt sich leise, fast andächtig, wie als ginge man durch das Mittelschiff einer Kirche auf den Altar zu. In den gläsernen Vitrinen ruhen Fundstücke im Schein von Halogenlampen. Eiserne Pfeilspitzen, die noch heute im Boden zu finden sind, wenn die Bauern oberhalb der Stadt die Felder pflügen. Karl der Kühne verfügte über ein Kontingent an englischen Langbogenschützen, die ebenso wie seine anderen glücklosen Heeresteil...

Epona

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Er sitzt auf einem Pferd, einem jungen, ungestümen Freiberger, dessen Glieder in voller Kraft stehen. Die Uniform ist neu und fühlt sich an wie eine feine Drachenhaut mit biegsamen Schuppen, unberührt von bitteren Zeiten. Dazu schwarze Schaftstiefel, die bis unters Knie reichen, und eine über den Ohren eng sitzende Mütze aus demselben feldgrauen Stoff wie die Uniform. An der linken Hüfte ein langes Bajonett, einem Schwert ähnlich. Seine Augen sind kaum zu erkennen, der Schirm der Mütze hat ihm einen Schatten auf Stirn und Blick gelegt. Nur die hohen Wangenknochen setzen eine harte Kante, an denen sich das Sonnenlicht brechen kann. Um den Mund aber spielt noch eine knabenhafte Weichheit, und den leicht geöffneten Lippen wollen vertraute Worte wie Brotbeutel und Daunendecke entweichen. Er steht im Kasernenhof, einem weißen Geviert von der Größe des väterlichen Weizenfeldes. Der schlimme Krieg ist vorbei. Man hat ihm zugesehen und gehofft, er möge seine Blutspur nicht über den Rhein zi...

Nebelspinne und Astgewirr

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Im Westen schlingen sich grautrübe Schleier um die Gratabbrüche. Weiter hinten liegt eine schwere Dunkelheit, die bald hier sein muss. Kalte Windböen ziehen durch die zerklüfteten Seitentäler und wehen über die Wiesen in den Wald hinein. Es ist Abend, und in der Ebene des Tales fährt noch eine Bahn zurück in die Stadt. Die Wanderer, denen wir tagsüber begegnet sind - auf den schmalen Wegen oder in der Alpwirtschaft beim trüben Bier -, sind längst abgestiegen. Sie sitzen in der Gaststube der schindelgedeckten Pension beim Abendessen. Ab und zu geht ein Blick den Berg hinauf, als wolle man sich vergewissern, wirklich zurück zu sein, unten im hellen Leben und nicht oben, wo die Herrschaft menschenfremder Mächte ruht. Wir gehen durch die dunklen Föhrenwälder und spüren den Wind im Rücken und an den bloßen Beinen. Viel Zeit haben wir auf einem falschen Weg verloren. Sie fehlt uns nun, um ein sicheres Lager zu finden. Bedrückende Worte, die ich irgendwann in meiner Jugend in einem vergess...