"Und das Fest ist fern. Und das Licht lügt. Und die Nacht ist nahe um ihn und kühl. Und er fragt eine Frau, die sich zu ihm neigt: Bist Du die Nacht?"

Montag, 26. Januar 2015

Sleeping Golden Storm

Der Südwestwind schiebt zerfledderte Wolkenfelder über das Flugfeld. Noch regnet es nicht, aber man wartet darauf. Im Terminal trinken die Leute teuren Kaffee aus Pappbechern und lesen französische, deutsche und englische Zeitungen, die alle nur eine Schlagzeile kennen. Zwei Kinder, die Geschwister sein könnten, betrachten einen Airbus, der gerade mit Kerosin betankt wird. In der Ecke der Halle stehen drei französische Soldaten mit ernsten Gesichtern. Die automatischen Gewehre liegen bedrohlich in ihren Armen, die Zeigefinger angewinkelt am Abzug. Vor wenigen Tagen hat in Paris das Abendland gebebt. Einige Wochen wird es brauchen, um wieder zu vergessen. Eine angenehme Lautsprecherstimme bittet darum, Gepäck nicht unbeaufsichtigt zu lassen. Unbeaufsichtigtes Gepäck wird vernichtet. Seltsam fremd ist es, diese weibliche, weiche Stimme zu hören, die von Vernichtung spricht. Solchermassen dissonant aber erscheint hier alles: die futuristisch anmutenden Schalensitze aus weissem Plastik, die Neonlichter, hellen Flächen und glänzenden Böden, die Werbungen für Parfum, Uhren und Alpen, dazwischen ein lauerndes Misstrauen, eine dumpfe Bedrohung, Blicke aus den Augenwinkeln auf Gepäck, lärmende Kinder, Bordkarten. Zwischen Takeaway und Check-In steht französisches Sicherheitspersonal, stets dieselben knabenhaften Gestalten meist maghrebinischer Abstammung mit rasierten Schläfen und in Einheitsgrössen geschnittenen Anzügen.
Ich sitze inmitten dieser wirbelnden Welt und warte, wie ich nie zuvor gewartet habe. Die Herrschaft der Zeit ist ungebrochen und lastet schwer auf mir. Nichts bleibt lange in meinem Verstand haften. Nicht der stärker werdende Wind, nicht das Dröhnen der startenden Maschinen. Ich bin nicht hier, bin nicht feste Gestalt inmitten dieser vielen Gestalten. Ich bin das Warten selbst geworden. Mein Herz bebt mit harten Schlägen, wie ein Sekundenzeiger, der es nicht erwarten kann, die volle Stunde zu erreichen. Ein Buch liegt vor mir aufgeschlagen. Seit  dreissig Minuten lese ich den ersten Satz. Weiter bin ich nicht gekommen. Mein Blick eilt vom vor mir stehenden Kaffee zur Abfluganzeige und zur Uhr daneben, dann weiter zum grauen Himmel, um schliesslich wieder zum Kaffee zu gelangen, den ich nur gekauft habe, weil Wartende Kaffee trinken oder Zeitschriften lesen oder ihre Mobiltelefone bedienen, grundsätzlich also etwas tun, um sich selbst davon zu überzeugen, dass sie nicht warten, sondern die Schwere der Zeit zu bewältigen wissen. Ich aber habe längst eingesehen, dass mir nur das Warten bleibt. Ich warte seit siebzig Tagen, und immer sind es die letzten Stunden, die am längsten dauern. Und immer ist da die Angst, dass gerade jetzt noch etwas geschehen könnte, das alles umwirft. Ein annullierter Flug, eine plötzliche Krankheit, der Himmel, der auf die Erde stürzt, ein Attentat ähnlich jenem, das schon stattgefunden hat wenige Tage zuvor und keine drei Zugstunden von hier entfernt.
Die Bestimmung der Zeit aber ist es, zu vergehen, sich selbst zu verbrauchen, und tatsächlich vergeht sie und nichts geschieht, das nicht geschehen sollte. Der Südwestwind fegt über den grauschwarzen Abendhimmel. Weit im Westen glimmt in einem Streifen unter dem regenschweren Wolkenband ein letztes Licht. Bald wird es verschwunden sein, in wenigen Minuten schon. Mein Kaffee ist längst kalt, das Buch habe ich wieder in meiner Tasche verstaut. Es bleibt nur der Blick hinaus auf das Wetter. Es wird ein unruhiger Flug werden, und die neben mir wartende Familie beobachtet besorgt die im Wind flatternden Fahnen. Am Gate sammeln sich die Leute. Man will nicht mehr warten. Die Maschine steht doch schon bereit, die weisse Schnauze nahe an die Glasfront des Gebäudes geschoben, so dass man das erleuchtete Cockpit sehen kann, wo der Pilot auf eine Anzeige schaut. Ein Tanklaster fährt heran. Ein Mann in einem ölverschmierten Arbeitsoverall öffnet die Seite des Fahrzeugs, betätigt einige grün und rot aufleuchtende Schalter, schiebt einen Hebel nach unten und zieht einen Schlauch heraus, um dessen tropfenden Stutzen in dafür vorgesehene Öffnung am Flugzeug einzuführen und mit hastigen Handgriffen festzumachen. Ich sitze immer noch auf meinem Plastikstuhl und horche auf den Trommelwirbel in meiner Brust. Ein schlafender, goldener Sturm. Ein zitterndes Crescendo, dessen Kraft mich in die Höhe stemmt. Die treibenden Wolken am Himmel verspotten mich. Verletzliche Menschen, zerrissen von Sehnsucht. Wie gering ihr seid, wie hilflos im Angesicht eurer eigenen Wünsche. Mein Kopf dröhnt. Ich hätte etwas essen sollen. Schon der Gedanke aber lässt Übelkeit in mir aufsteigen. Nun ist es zu spät. Alles beginnt jetzt. Die Reise hinauf in den Sturm, nordwärts in die weite Stadt, wo meine Träume warten. Dunkle Augen und Worte sanft wie das Frühlingserwachen nach einem Wolfswinter. Eine Stewardess eröffnet dreisprachig das Boarding. Als ich auf das Flugfeld hinaus trete, reisst mir der Wind fast den Schal vom Hals. Es regnet immer noch nicht.

Titel entlehnt aus "Celestite" von Wolves in the Throne Room

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