"Und das Fest ist fern. Und das Licht lügt. Und die Nacht ist nahe um ihn und kühl. Und er fragt eine Frau, die sich zu ihm neigt: Bist Du die Nacht?"

Freitag, 26. Dezember 2014

Waterloo Exit

Das Museum der Murtenschlacht, eigentlich eine alte Mühle, das gewaltige Mühlrad dreht sich träge und dunkel am Eingang. Um das Gebäude zu betreten, muss man in nicht geringer Höhe mittels einer kurzen Brücke über einen Schacht steigen, in dessen Tiefe schnelles Wasser auf die Schaufelblätter schiesst und das Rad in Bewegung setzt. Es hat selten Leute in diesem Museum. Es ist zu unbekannt und wird nur in einem dünnen Touristenführer erwähnt, den die Gemeinde in kleiner Auflage herausgegeben hat. Drinnen riecht es nach altem Holz und einer bedrohlichen Zeitlosigkeit. Man bewegt sich leise, fast andächtig, wie als ginge man durch das Mittelschiff einer Kirche auf den Altar zu. In den gläsernen Vitrinen ruhen Fundstücke im Schein von Halogenlampen. Eiserne Pfeilspitzen, die noch heute im Boden zu finden sind, wenn die Bauern oberhalb der Stadt die Felder pflügen. Karl der Kühne verfügte über ein Kontingent an englischen Langbogenschützen, die ebenso wie seine anderen glücklosen Heeresteile im See ertranken, verfolgt von den Eidgenossen, die an diesem Junitag 1476 den grössten Sieg ihrer Geschichte erringen. In den Vitrinen daneben Reste alter Fahnen und Zelte, die Farben verblasst, das Gewebe durchscheinend, zerlegt in seine einzelnen Bestandteile wie die Blaupausen einstiger Pracht. Im zentralen Raum des Museums befindet sich unter einer von Kinderhänden verschmierten Glashaube ein Modell der Schlacht zum Zeitpunkt, als die Eidgenossen das burgundische Heerlager verwüsten. Unzählige bunte Bleifiguren stehen sich zwischen Bäumen und Zelten aus bemalter Pappe gegenüber. Lanzenträger in dichten Reihen, die langen Spiesse gegen die anstürmende Reiterei gesenkt, die Fahnen mit den Wappentieren der Städte im Wind liegend, ein brüllender Löwe, ein Bär mit zum Schlag erhobener Pranke, ein glutäugiger Stier, ein auf den Hinterbeinen stehender Widder. Dazwischen die in heilloser Panik fliehenden Fussknechte. Sie lassen die teuren Feldgeschütze und reich ausgestatteten Zelte zurück. Sie ahnen, dass dieses so plötzlich aus den Wäldern hervorgebrochene Bauernvolk nicht aufgehalten werden kann im Zustand einer fast animalischen Raserei. Von der befestigten Stellung auf den Hügeln oberhalb des Lagers beobachtet das Gefolge Karls des Kühnen in beispiellosem Entsetzen, wie ihr Feldzug, den sie gegen Bern und seine Verbündeten zu führen gedachten, im Blut ihrer zweiundzwanzigtausend Soldaten ertrinkt. Alles ist verloren, ein grosser Untergang unter einem weiten Sommerhimmel. In einem weiteren Raum stehen Fundstücke, die zu gross sind, als dass man sie in Vitrinen zwängen könnte. Gut erhaltene Spiesse und Halbarten, Zweihandschwerter mit gewellter Klinge, und daneben ein über fünf Fuss hoher Schild, der einen von den Jahrhunderten schwarz verfärbten Berner Bären zeigt. Dieser Schild ist es, der meine Aufmerksamkeit an sich reisst, als ich - zehnjährig und verloren für die Wirklichkeit meiner lärmenden Schulkameraden - dieses Museum besuche. Dieser Bär ist schrecklich, denke ich, unfassbar schrecklich. Seine Zunge sticht rot wie eine Flamme aus dem Maul. Er hat Pfeilen und Bolzen, Schwerthieben und Lanzenstössen standgehalten, die zahlreichen vernarbten Löcher und Dellen beweisen es. Noch immer tanzt er auf seinen Hinterbeinen, dem Feind und dem Tod ins Gesicht brüllend. Jetzt steht er im Licht elektrischer Lampen, den Augen einer neuen, unverständlichen Welt schutzlos ausgeliefert. Wie gebannt stehe ich vor ihm, und mir ist, als höre ich das Inferno der Schlacht, das Geschrei der sterbenden Menschen, die unter dem Gewicht der zusammenbrechenden Pferde liegen, das Sirren der Pfeile, die wie ein eiserner Regen auf diese verwirrten menschlichen Knäuel aus Fleisch, Rüstung und zerbrochenen Träumen niederprasseln, das Donnern der schweren Geschütze. Dies alles ist in mir, unzertrennlich verwoben mit meinen Empfindungen, mit der Erinnerung an die vorherige Bahnfahrt, an das Frühstück davor, an den Schlaf in einem schmalen Kinderbett, an alle anderen im Angesicht des schwarzen Bären so belanglosen Begebenheiten, die mich wütend und ratlos machen, und in diesem Augenblick begreife ich, dass ich mich fürchte, dieser Schild könne mir Dinge zeigen, die dunkel in mir wohnen und darauf warten, dass sie erwachen dürfen. Doch abwenden kann ich mich nicht. Als die Lehrerin zum Aufbruch drängt, höre ich ihre Stimme wie aus weiter Ferne. Sie ist Teil einer unbedeutenden Wirklichkeit, die mit Einsamkeit, spottenden Kindern und lange verlorenen Eltern in Zusammenhang steht. Der Bär aber ist wirklich, seine Wut ist wirklich, seine Stärke ist wirklich, wirklicher als meine auf schwachen Füssen stehende Wirklichkeit, die ich ablegen möchte wie ein zu lange getragenes Kleidungsstück.

"... eine wunschlose Dunkelheit, die weder Form hat noch Willen."

Jahre später entdecke ich diesen Zustand, dieses Fallen in eine warme Dunkelheit, erneut. Doch die Dunkelheit hat sich verändert, als wäre sie mit mir und meinen Träumen in die Höhe gewachsen. Sie hat sich davon befreit, erklären zu wollen. Die Dunkelheit hat keine Begrenzung, keine Bemessung, sie entzieht sich jeder genauen Betrachtung, sie ist verloren für die Wissenschaft, verloren für das unsägliche menschliche Verlangen, eine Antwort auf etwas zu finden, das sich nicht in eine Frage setzen lässt. Sie lebt in mir, ist mein Atem und mein Herzschlag. Wenn ich meine Augen öffne, fliesst sie glänzend und schwer über die Dinge, die ich betrachte: rissige Wände und Decken, im Wind wogende Bäume, fallen gelassene Kleider, ein aufgeschlagenes Buch, der schlanke Rücken einer geliebten Frau, die neben mir schläft, ein blau flimmernder Horizont, die unter den Stahlrädern eines Schnellzuges zerfetzten Glieder eines Selbstmörders, ein am Himmel stehender Vogelschwarm. Das alles ist gewaltig und nicht fertig zu denken. Ich steige auf in die Höhe, durchstosse die Zimmerdecke, die auf mir und meinem Streben lastet, mich in einer federleichten Empfindungslosigkeit zu verlieren, um diesen Zustand zu erreichen, keinen Wunsch zu haben ausser keinen Wunsch zu haben, das Erlangen einer Reinheit, deren Natur darin besteht, nicht mehr rein sein zu wollen und gerade dadurch rein wird. Tief unter mir liegt die Welt, feste Erde und feste Leben, alles dort ist begrenzt und bekannt, vermessen und katalogisiert, alles trägt einen Namen, wenn auch nicht in allen Fällen den wahren. Dort oben aber gibt es keine Namen, sie gehören nicht dorthin, können dort nicht bestehen und finden keinen Halt, um sich auszubreiten. Dazu benötigen sie Licht und Konturen und Dinge, die sie benennen können. In dieser Höhe gibt es nur eine wunschlose Dunkelheit, die weder Form hat noch Willen. Sie schwebt über der Welt als staubige Helligkeit, ein von ungezählten stummen Tagen schwarz verfärbtes Gemälde, das niemand mehr besitzen mag, weil man seinen Blick fürchtet. Die Dunkelheit weitet sich wie ein warmer, runder Mutterleib und in ihrem Haus aus weiten Treppenfluchten schlafen Bestien, Wölfe bleierner Mitternacht, deren Atem süss ist und faul. Auf weiten Schwingen flüssiger Nacht schweife ich frei und fern aller Trauer über das Schlachtfeld, ein Feld bleicher Gebeine.
Bis 1798 stand westlich der Stadt Murten ein Beinhaus. In ihm ruhten die Knochen der tausenden Gefallenen. Sie lagen Schicht über Schicht in der Finsternis, unberührt von Licht und Zuversicht, traumlos, gedankenlos, und wie der Bär auf dem Schild standen sie im unbesiegten Widerspruch zu einer Welt, die ihr eigenes Ende nicht kennt. Nach dem Einfall der Franzosen unter Napoleon wurden sie geraubt und ihr Mausoleum zerstört. Heute ragt dort unweit der Hauptstrasse ein steinerner Obelisk in die Höhe, der an das Leid, an den Tod an den bitteren Geschmack des Sieges erinnern soll. Dabei gibt es keine Erinnerung. Es gibt nur einen Ausgang. Waterloo Exit.

Titel entlehnt aus "L'état morbide" von Daniel Hulet

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