"Und das Fest ist fern. Und das Licht lügt. Und die Nacht ist nahe um ihn und kühl. Und er fragt eine Frau, die sich zu ihm neigt: Bist Du die Nacht?"

Sonntag, 10. August 2014

Nebelspinne und Astgewirr

Im Westen schlingen sich grautrübe Schleier um die Gratabbrüche. Weiter hinten liegt eine schwere Dunkelheit, die bald hier sein muss. Kalte Windböen ziehen durch die zerklüfteten Seitentäler und wehen über die Wiesen in den Wald hinein. Es ist Abend, und in der Ebene des Tales fährt noch eine Bahn zurück in die Stadt. Die Wanderer, denen wir tagsüber begegnet sind - auf den schmalen Wegen oder in der Alpwirtschaft beim trüben Bier -, sind längst abgestiegen. Sie sitzen in der Gaststube der schindelgedeckten Pension beim Abendessen. Ab und zu geht ein Blick den Berg hinauf, als wolle man sich vergewissern, wirklich zurück zu sein, unten im hellen Leben und nicht oben, wo die Herrschaft menschenfremder Mächte ruht.
Wir gehen durch die dunklen Föhrenwälder und spüren den Wind im Rücken und an den blossen Beinen. Viel Zeit haben wir auf einem falschen Weg verloren. Sie fehlt uns nun, um ein sicheres Lager zu finden. Bedrückende Worte, die ich irgendwann in meiner Jugend in einem vergessenen Buch aufgelesen und nicht mehr verloren habe, schlittern durch meinen Verstand. „Im finstren Föhrenwald, da wohnt ein greiser Meister. Er ficht gar furchtlos kalt sogar noch feiste Geister."
Vor uns öffnet sich der Wald und gibt den Blick auf einen Stadel frei. Zwei in den Hang geduckte Holzhäuser, eines davon alt und baufällig, das andere anscheinend zeitweise bewohnt. Wir beschliessen, dort nach Holz zu fragen, vielleicht gar nach einer Unterkunft. Das Klopfen gegen die schwere Türe poltert durch das Häuschen und verhallt im steinernen Stock. (Da wohnt ein greiser Meister). Niemand öffnet die Türe. (Er ficht gar furchtlos kalt). Auch ein zweites Klopfen bleibt unbeantwortet, und die Hütte bleibt still. (Sogar noch feiste Geister). Es ist niemand da, der uns beschwören könnte, jetzt noch umzukehren. Bei näherem Hinsehen, bemerken wir, dass der Stadel weitaus standhafter am Berg steht, als wir anfangs dachten. Die Holzbohlen sind dunkel gegerbt und alt, aber dennoch fest und unverrückbar. Die niedere Scheunentüre ist mit einem schweren Riegel zugeschlossen. An der wetterabgewandten Hauswand steht ein Holzstoss. Wir nehmen uns einige Scheite, da wir wissen, dass uns nun eine kalte Nacht bevorsteht.


"Der Morgen ist ein spiegelverkehrtes Trugbild. Man glaubt nicht an ihn, doch er ist da."

Weiter oben in den Wäldern finden wir nach hastiger Suche ein Lager unter einer mächtigen, in vier Stämme aufgeteilten Kiefer, die auf einer halbwegs ebenen Fläche inmitten eines Abhanges steht. Ihre dicken, weit nach unten geschwungenen Äste tragen lange Flechtenbärte. Der mit braunem Kries bedeckte Erdboden ist noch trocken. Ein alter Ort, der nicht weiss, was Menschen von ihm wollen. Kein Lagerplatz für lange Tage, aber für diese Nacht muss er genügen. Das Zelttuch lässt sich mit ein wenig Geschick unter die Äste spannen und bildet eine nach Osten offene Höhle, die mehr Zuflucht als Unterkunft ist.
Während wir dicht am Abhang ein kleines Feuer entzünden, legen sich regenschwere Wolken über den Wald. Man glaubt die nahende Dunkelheit in der feuchten Luft zu spüren, als wäre sie ein verdichtetes Wesen aus Kreisen, die kein Mensch erblicken kann. Das Feuer brennt nur zögernd. Es braucht einige Geduld und viele Atemstösse, bis gelbe Flammenzungen über die Scheite lecken. Der Rauch schmeckt nach Arvenharz, nach Rissen im Stein und Wegen, die hinter der nächsten Biegung erst beginnen.
Erste Tropfen klatschen auf das Zelt. Der Tag verschwindet hinter wolkenverhangenen Berghängen. Windhände greifen nach den Zelträndern, fahren in die Feuerglut und zehren an den Flammenspitzen. Noch lässt sich Wasser kochen für ein kurzes Abendessen. Der mit Käse angedickte Maisbrei stärkt und wärmt. Bald darauf fällt die Dunkelheit ein und bricht das letzte bleiche Licht in Stücke. Wir legen Holz nach und hoffen, das Feuer überstehe den Regen. Dann ducken wir uns unter das Zeltdach, horchen auf das von Donner begleitete Regentrommeln und befürchten, das harsche Wetter werde uns den Unterschlupf zerreissen.


"...oben, wo die Herrschaft menschenfremder Mächte ruht."

Das Einschlafen will lange nicht gelingen. Auf der unebenen, mit Wurzeln durchsetzten Erde liegt es sich nicht gut. Schliesslich aber siegen die Erschöpfung und das Verlangen nach einem Rückzug in die Dämmerung unruhigen Schlafes. Die alte Kiefer schwankt im Wind, ihre Astfinger streifen das Zeltdach. Man hört den Baum der Nacht unbekannte Worte entgegnen und träumt fremde Träume. Ein schwarzes Astgewirr, von dessen dünnen Knochen unablässig Nässe tropft.
Der Morgen ist ein spiegelverkehrtes Trugbild. Man glaubt nicht an ihn, doch er ist da. Die für die frühen Morgenstunden angekündigte Sturmspitze ist ausgeblieben. Stattdessen schleichen von der schweren Feuchtigkeit niedergedrückte Wolkenklauen durch die Baumwipfel. Aus dem Tal steigen weisse Wolkenriesen den Felsen entlang in die Höhe. Tief vergraben im sandfeinen Aschehaufen glimmen einige letzte Glutkörner, die zu einem Feuer werden. Ein Kaffee weckt unsere starren Sinne, bevor wir weiter aufwärts ziehen durch stille Hänge und tropfende Arven- und Lärchenwälder. Nebelspinnen klettern silbern durch die Bäume. Aus dem Grau lösen sich in einer glitschigen Traverse zwei in Tarnmäntel gehüllte Gestalten. Sie tragen breikrempige Filzhüte und haben Jagdgewehre geschultert. Sie grüssen uns mit einem knappen Nicken und verschwinden sogleich wieder im Nebel, als hätten sie in den Felsen geheime Geschäfte zu erledigen.
Noch vor dem Mittag kehrt die Sonne zurück, bricht mit hellen Stäben die Wolken auseinander. Wir steigen ab durch dampfendes Gehölz, queren kraftvolle Bäche, deren nach Stein schmeckenden Fluten uns Gesicht und Nacken kühlen. Schliesslich blicken wir auf sanft geschwungene Wiesen und stehen bald darauf in engen, schattigen Gassen zwischen Häusern aus von der Sonne schwarzbraun verfärbten Lärchenstämmen.
Bei Bier und Trockenfleisch sitzen wir vor dem stolzen Hotel Croix d’Or et Poste, wo Papst und Goethe einst Nachtquartier bezogen, und schauen in die weiten Hänge rauf. Wir sind zurückgekehrt in eine Welt, die wir zu kennen glauben, und fragen uns verwundert, wie wir sie wiedergefunden haben.


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